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Sie fühlen sich auch von den martialischen Dimensionen der neuen Rolex Submariner oder GMT-Master II eingeschüchtert? Verzagen Sie nicht, denn im Hintergrund wächst langsam, aber stetig ein neuer Trend, der zu schmalen und flacheren Uhren führt. Damit Sie die technische Komplexität dieser Modelle sowie ihre Geschichte verstehen, haben wir für Sie eine Einführung in eine der faszinierendsten Aspekte moderner Horlogerie zusammengestellt.


  

Die Ursprünge der flachen Uhren


Von Antoine Lépine zu Jaeger-LeCoultre

Nachdem sich Uhren im 17. Jahrhundert als Statussymbole etablierten, wurde die Größe einer Uhr für lange Zeit mit dem Status und ihrer Präzision gleichgesetzt – je größer, desto besser. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts wechselte der Fokus auf die Funktionalität und Innovatoren wie Antoine Lépine änderten die Art, wie Uhren gesehen und hergestellt wurden. Das Lépine Kaliber ermöglichte es erstmals flachere Uhren zu produzieren. Dandys wie George Bryan “Beau” Brummel brachten diesen simplifizierten Stil an die Königshäuser Europas, wo er sich schnell etablieren sollte. Dies löste den Trend aus, dass mehr und mehr Uhrenproduzenten nun versuchten, sich in der Flachheit ihrer Uhren gegenseitig zu übertreffen.

Viele der Produzenten, die damals an der Speerspitze der Bewegung standen, sollten diese auch heute noch halten. Als Edmond Jaeger sich noch nicht mit LeCoultre zusammengeschlossen hatte, lieferten sich beide einen Wettstreit darum, immer flachere Kaliber zu entwerfen. Meisterwerk dieses Wettstreits war LeCoultres Kaliber 145, das nur 1,38 mm maß und von 1907 bis in die Mitte der 60er Jahre produziert wurde. Davon ausgehend begann LeCoultre ebenfalls damit, Grandes Complications und Chronographen zu verflachen. Es waren diese technischen Meisterleistungen, die Jaeger-LeCoultre, wie sich das Unternehmen nach dem Zusammenschluss nannte, den Titel „Uhrmacher der Uhrmacher“ einbrachte, da man Werke für Audemars Piguet, Patek Philippe und Vacheron Constantin lieferte. Jaeger-LeCoultre war so versiert auf das Design flacher Werke, dass man eigens für das Ausmessen der Uhren ein Gerät entwickelte, das auf einen Mikrometer genau messen konnte. So war es möglich, die Flachheit der Kaliber auch den Kunden vermitteln zu können.


Zifferblatt einer Piaget Altiplano Uhr mit grauem Hintergrund
PIAGET ALTIPLANO G0A36508



Das Zeitalter der Zwerge


Piaget und Jean Lassale setzen neue Rekorde

1957 debütierte das ikonische Altiplano-Modell von Piaget, das sofort neue Maßstäbe setzte. Die Altiplano wurde vom Calibre 9P, einem nur 2 mm hohen mechanischen Werk mit Handaufzug, angetrieben und ist mit einer Gesamtgröße von 4 mm bis heute eine der schmalsten Uhren, die jemals gebaut wurde. Doch Piaget ruhte sich nicht auf seinem Erfolg aus und brachte 1960 das Calibre 12P heraus, das ein 2,30 mm dickes Automatikwerk antrieb und den Mikro-Rotor etablierte.

1976 schnappte sich Jean Lassale den Titel für das schmalste mechanische Werk, als man in Basel das Calibre 2000 vorstellte, welches nur 1,2 mm dick war. Später folgte ein automatisches Werk, das 2,08 mm maß. Die Werke wurden nur im Zeitraum von 1976 bis 1979 produziert, als Jean Lassale in finanzielle Schwierigkeiten geriet und von Seiko gekauft wurde. Die Patente für die Werke gingen allerdings an Lemania, die weiterhin an der Verbesserung des Calibre 12P arbeiteten und sie unter anderem an Vacheron Constantin verkauften, wo sie als Calibre 1160 und 1170 bekannt sind.



Technische Innovationen flacher Uhren …


Als Lépine begann, Uhren von dem Ballast der Schnecke zu befreien und neue Unruhen entwickelte, konnte er noch nicht ahnen, wie komplex die Technik einst werden sollte, die in die Konstruktion flacher Werke floss. Flache Werke sind dabei zuerst theoretische Gedankenspiele. Das erste Problem ist die Kraftversorgung. Die Kraft, die von der Feder ausgeht, ist abhängig von ihrer Höhe. Dies bedeutet, dass ein extrem flaches Kaliber sehr sorgfältig designt und zusammengebaut werden muss, damit man den Kraftverlust, der durch die Reibung entsteht, minimieren kann.

Auch muss bei einem schmalen Kaliber oft die allgemeine Architektur des Uhrwerks überdacht und dementsprechend angepasst werden. Ein Beispiel: Ein klassisches Federhaus hat zwei Drehpunkte – einen in der Platine und einen zweiten in der Brücke. Viele flache Kaliber sparen Platz, indem Sie mit einem sogenannten fliegenden Federhaus arbeiten, das nur den Drehpunkt in der Platine behält. Diese Konstruktion wurde schon von Lépine entwickelt und ist viel instabiler als ein normales Federhaus, was bedeutet, dass das Design kaum Abweichungen oder Ungenauigkeiten zulassen kann. Weitere Innovationen wie der Mikro-Rotor oder Audemar Piguets Geniestreich, 1986 das Gehäuse der Automatic Tourbillon (Ref. 25643BA) gleichzeitig als Grundplatte für das Werk zu verwenden, sparten weitere wichtige Millimeter.



… und wo sie an ihre Grenzen stießen


Früher oder später stößt man allerdings an physikalische Grenzen. Denn je schmaler das Werk, desto instabiler ist es auch – was eine Wartung in speziellen Fällen unmöglich macht. Im Falle des 1,2 mm flachen Werkes von Jean Lassale stellte sich beispielsweise schnell heraus, dass die Werke zu dünn waren, um perfekte Funktionalität zu garantieren. Lassale konnte das Werk so flach gestalten, da er das Zeigerwerk in die Grundplatte integrierte. So kommt das Werk vollkommen ohne Brückenteile aus. Aber nicht nur das Federhaus, sondern auch all die Räder müssen durch das Kugellager unterstützt werden. Dies kann allerdings zu unerwünschten Variationen in der Kraftversorgung führen, was die Langlebigkeit der Werke beeinträchtigt. Nachdem Vacheron Constantin Variationen dieser Werke verwendete, stellte sich heraus, dass allein der Wartungsprozess das Werk beschädigen würde, sodass man es der Einfachheit halber auswechselte und ein komplett neues Werk installierte.



Das Erbe von Audemars Piguet


Die meisten dieser bahnbrechenden Kaliber wurden ohne die Hilfe von CAD (Computer Assisted Design, zu deutsch: rechnerunterstütztes Konstruieren) entworfen, was diese Werke noch bemerkenswerter macht. Da die Zeit nicht schläft, begannen auch Uhrenmanufakturen, die neuen technischen Möglichkeiten auszutesten. Den Sprung in die Neuzeit schaffte dabei auch Zenith, die mit dem Ultra Thin-Modell bereits einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung schmalerer Uhren schufen. 1994 stellte Zenith das automatische Elite-Kaliber vor, das mit CAD designt wurde und 2016 in der Elite-Kollektion erneut auflebte.

Viele Hersteller kopierten Audemars Piguet’s Idee, das Werk direkt auf dem Gehäuseboden zu bilden, aber wenige perfektionierten das Konzept so sehr wie die Piaget 900P. Mit 3,65 mm in der Höhe setzte Piaget damals einen neuen Weltrekord. Piaget dachte das Konzept dabei weiter und setzte das Zifferblatt auf dieselbe Ebene wie das Räderwerk. Einst hierarchisch in klar trennbare Ebenen geteilt, war die Uhr philosophisch und technisch endgültig eins geworden.



Flache Uhren – auch 2019 im Trend


Der Trend zu immer flacheren werdenden Uhren hält auch 2019 an. Wer weniger Wert auf Rekorde legt, kann sich auch auf Klassiker wie die Hermès Slim (Ref. CA2.170) oder die Jaeger-LeCoultre Master Ultra Thin (Ref. 145.8.70 S) verlassen. Wer an dieser Stelle denkt, dass eine dünne Uhr immer eine Dresswatch sein muss, hat noch nicht von Audemars Piguet’s Royal Oak gehört. Von Gérald Genta designt, ist die Royal Oak Ultra-Thin mit ca. 8 mm ein Riese im Vergleich zu den oben genannten Dresswatches. Verglichen mit den Sportuhren von Rolex oder Breitling fällt sie allerdings deutlich flacher aus.
 

Jaeger-LeCoultre Master Ultra Thin Uhr mit schwarzem Hintergrund
JAEGER-LECOULTRE MASTER ULTRA THIN 145.8.79 S


Das Wettrennen um die flachste Uhr scheint damit jedoch längst nicht beendet. Auf der Baselworld 2019 stellte Piaget mit der Altiplano Ultimate eine Konzeptuhr vor, die lediglich 2 mm misst. Dies dürfte Bvlgari mächtig geärgert haben, da das Unternehmen 2018 mit der 3,95 mm dicken Octo Finissimo Tourbillon Automatic nicht nur das flachste Tourbillon, sondern auch die flachste Automatikuhr der Welt präsentierte – bis Piaget den ersten Platz mit der Altiplano Ultimate 910P kurz darauf wieder an sich riss. Alle, die auf ein Tourbillon verzichten können, interessiert möglicherweise auch die standardmäßige Octo Finissimo (Ref. BGO40C14TLXAUTO 102711). Mit ihrem schlichten Zifferblatt und der ausgelagerten kleinen Sekunde, kommt sie auf knapp 5,15 mm. 


Bvlgari Octo Finissimo Uhr mit schwarzem Hintergrund
BVLGARI OCTO FINISSIMO BGO40C14TLXAUTO 102711